Der Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels e.V. (BVL)

Druckversion der Seite: Interview der Lebensmittel Zeitung mit Friedhelm Dornseifer und Franz-Martin Rausch (März 2018)

Friedhelm Dornseifer ist seit mehr als 50 Jahren selbstständiger Lebensmittelkaufmann und seit 2010 BVLH-Präsident.

„Der Kunde ist nicht dumm“

LZ-Gespräch mit Friedhelm Dornseifer, dem Präsidenten des Bundesverbandes des Deutschen Lebensmittelhandels (BVLH), und Hauptgeschäftsführer Franz-Martin Rausch über die Erwartungen an die neue Bundesregierung.

Herr Dornseifer, Bundeskanzlerin Angela Merkel tritt noch einmal in einer Großen Koalition an. Sind Sie darüber erleichtert?
Ich kann mich nicht daran erinnern, dass wir schon einmal so lange auf eine Regierungsbildung warten mussten. Dieser Schwebezustand war nicht gut und entspricht nicht dem, was in Europa und in der Welt von Deutschland erwartet wird. Insofern bin ich erleichtert. Ein bloßes „Weiter so“ darf es aber nicht geben.

Warum nicht? Dem Handel geht es doch großartig. Die Arbeitslosenquote ist niedrig, die Konsumstimmung ist gut und die Umsätze im Handel steigen seit acht Jahren in Folge…
Dornseifer: Wir müssen aber aufpassen, dass die wirtschaftliche Entwicklung stabil bleibt. Nach meinem Eindruck haben sich die Koalitionäre mehr damit beschäftigt, Geschenke an das Wahlvolk zu verteilen, als Grundlagen für eine stabile konjunkturelle Entwicklung festzuschreiben.

„Der ländliche Raum ist mehr als Landwirtschaft.“

Was vermissen Sie denn konkret im Koalitionsvertrag?
Dornseifer: Mit Blick auf die Lebensmittelwirtschaft fehlt uns ein Bekenntnis zur Wettbewerbsorientierung, das alle Mitglieder der Wertschöpfungskette umfasst. Nur wenn Landwirtschaft, Lebensmittelindustrie und Handel in Deutschland wettbewerbs- und kundenorientiert arbeiten, entsteht Wohlstand.

Rausch: Der Stellenwert der Lebensmittelwirtschaft kommt insgesamt zu kurz. Im Koalitionsvertrag wird zwar die Bedeutung der Landwirtschaft für die „regionale Wertschöpfung“ betont, die von Handel und Handwerk jedoch ausgeblendet. Der ländliche Raum besteht aber nicht nur aus der Landwirtschaft. Wenn sich der Handel aus einer Region zurückzieht, dann ist das für die gesamte wirtschaftliche Entwicklung dort schädlich. Das Thema „regionale Wertschöpfung“ geht in seiner Bedeutung weit über die Landwirtschaft hinaus.

Aber es gibt doch nun ein Heimatministerium, das sich auch um die Stärkung des ländlichen Raums kümmern kann. Was erwarten Sie diesbezüglich von Horst Seehofer (CSU)?
Dornseifer: Wenig. Nach dem was man hört, bleibt die Zuständigkeit ja im Bundeslandwirtschaftsministerium. Wir müssen schauen, dass der ländliche Raum in Deutschland nicht verödet und die Flucht in die Städte nicht überhandnimmt. Das ist eine große Herausforderung, bei der auch die Bundesregierung gefordert ist, mitzugestalten und die Entwicklung zu begleiten. Rausch: Es bedarf auch mehr als nur des Ausbaus der Breitbandtechnologie, damit ländliche Regionen nicht von der wirtschaftlichen Entwicklung abgekoppelt werden. Die Versorgungssicherheit im ländlichen Raum ist ein wichtiger Bestandteil des Gemeinwohls.

Der Koalitionsvertrag sieht die Einführung eines staatlichen Tierwohllabels vor. Wie verträgt sich dies mit der „Initiative Tierwohl“ (ITW), die vom Lebensmittelhandel finanziert wird?
Dornseifer: Bislang haben wir es nur geschafft, Tierwohl-Produkte im oberen Segment, in der Nische anzusiedeln – etwa mit dem Label des Tierschutzbundes oder anderen Siegeln. Mit der ITW soll das Thema in die Breite und auf eine wirtschaftlich tragfähige Basis gebracht werden. Wenn aber nun vom Gesetzgeber Kriterien festgelegt werden, die höchste Anforderungen stellen, ist das nicht hilfreich für unsere Bemühungen.

Rausch: Grundsätzlich stehen wir dem staatlichen Label positiv gegenüber und haben die Entwicklung auch mit begleitet. Wir hätten uns aber gewünscht, dass die Vergabekriterien auf den Grundlagen der ITW aufbauen. Das war immer unser Credo. So wie die Kriterien für das staatliche Label nun ausgestaltet sind, ist es nicht geeignet, in die Breite zu kommen.

Dornseifer: Mir fehlt in der Debatte ein Stück weit die Ehrlichkeit. Die Bemühungen um mehr Tierwohl können doch nicht vom Staat, vom Handel oder der Zwischenstufe finanziert werden. Am Ende wird auch der Verbraucher dafür zahlen müssen.

Diverse Umfragen wollen belegen, dass die Verbraucher bereit sind, für Tierwohl-Produkte mehr auszugeben...
Dornseifer: In Umfragen wird vor allem mehr geschwätzt als getan. Was ich aus meinen Märkten bestätigen kann: Wenn der Verbraucher darauf Vertrauen kann, dass das Fleisch vom Landwirt aus der Region kommt und auch geschmacklich ein anderes Erlebnis hat, dann ist er auch bereit, mehr auszugeben. Wir sehen das auch bei anderen Produkten, beispielsweise bei Eiern oder bei der Milch. Wir verkaufen Milch für 69 Cent oder zu 1,50 Euro bei regionalen Produkten.

Apropos Milch: Laut Koalitionsvertrag strebt die Bundesregierung eine „Modernisierung der Lieferbeziehungen“ an, um den Milchmarkt besser auf Krisen vorzubereiten. Fühlt sich der Handel angesprochen?
Rausch: Wir haben unsere Lieferbeziehungen mit den Molkereien. Diese Absichtserklärung zielt wohl eher auf die vorgelagerte Stufe, also auf das Verhältnis zwischen Molkereien und Landwirten. Was bei dieser Diskussion aber immer unterschlagen wird: Die Ursachen der Milchpreisschwankung liegen doch nicht in Verträgen oder Lieferbeziehungen begründet. Der Milchpreis wird durch Angebot und Nachfrage bestimmt – und zwar zunehmend auf dem Weltmarkt.

Dornseifer: Die Entwicklung im vergangenen Jahr hat gezeigt, dass der Markt funktioniert. Als die Mengen zurückgegangen sind, ist der Preis gestiegen. Und am Beispiel des Butterpreises konnte man wunderbar sehen, dass die Volatilität vor keiner Wertschöpfungsstufe haltmacht.

EU-Agrarkommissar Phil Hogan sieht den Handel in der Verantwortung und will im April einen Vorschlag zur Regulierung „unfairer Handelspraktiken“ auf EU-Ebene vorlegen.
Rausch: Der deutsche Lebensmittelhandel engagiert sich in der freiwilligen „Supply Chain Initiative“, um faire Verhandlungen sicherzustellen. Man darf den Bauern aber nicht vermitteln, dass sie mehr verdienen würden, wenn sich nur die Vertragsbeziehungen ändern. Für viele Agrarprodukte bildet sich der Preis am Weltmarkt. In diese Richtung muss doch nachgedacht werden: Welche Instrumente können helfen, volatile Preise besser abzusichern?

Die Bundesregierung will die Pläne zur Reduzierung von Zucker, Salz und Fett in Fertigprodukten vorantreiben – Stichwort „Reformulierung“. Muss sich die Branche auf staatliche Rezepturvorgaben einstellen?
Rausch: Der Lebensmittelhandel bietet eine vielfältige Produktpalette für eine ausgewogene Ernährung. Zudem gibt es viele Ansätze zur freiwilligen Reduzierung. Am Ende muss es dem Kunden schmecken. Reformulierte Produkte, die keiner kauft, nutzen niemandem. In fast allen Unternehmen beschäftigt man sich mit dem Thema, aber das ist ein langer Prozess. Das Reduktionspotenzial ist bei jeder Produktgruppe sehr unterschiedlich. Pauschale Ziele helfen hier nicht weiter. Gern steht der Handel der Bundesregierung bei der Reformulierungsstrategie beratend zur Seite.

Dornseifer: Mal als Praktiker gesagt: Was nutzt es denn, wenn man ein Fertiggericht produziert, mit weniger Salz und der Verbraucher tut dann Salz rein, weil es sonst nicht schmeckt? Wem ist damit geholfen?

Gibt es Regulierungen, die Sie sich von der neuen Bundesregierung wünschen? Etwa einen besseren Schutz des Begriffs „Regional“, der bei der Vermarktung eine immer größere Rolle spielt?
Dornseifer: Wir brauchen keine Schützenhilfe. Der Kunde ist nicht dumm und entscheidet selbst, was regional ist. Wenn bei uns im Sauerland Produkte als regional beworben werden, deren Heimat hunderte Kilometer entfernt liegt, dann ist das nicht sehr glaubhaft. Regionalität muss nicht reguliert werden. Das versteht der Verbraucher von selbst.

Rausch: Es gibt ja das „Regionalfenster“, das mit Beteiligung des Lebensmittelhandels erarbeitet wurde und ein großer Erfolg ist. Mehr als 4000 Produkte sind inzwischen registriert. Der Handelsmarkenanteil liegt weit über 70 Prozent. Das ist ein schönes Beispiel, wie man ohne Regulierung ein schwieriges Thema in den Griff bekommt. Denn „Regionalität“ heißt für jeden etwas anderes.

„Regionalität versteht der Verbraucher von selbst.“

Was erwarten Sie von der neuen Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft Julia Klöckner (CDU)?
Rausch: Frau Klöckner war ja schon parlamentarische Staatssekretärin im Ministerium und für den Bereich Ernährung zuständig. Uns wäre wichtig, wenn in ihrem Hause darauf geachtet wird, dass die Landwirtschaft ein Teil der Wertschöpfungskette ist, aber dass die anderen Glieder der Kette auch ihre Bedeutung haben.

Dornseifer: In Interviews zu ihrer geplanten Schwerpunktsetzung sagte Frau Klöckner, sie wolle dazu beitragen, die Landwirtschaft wettbewerbsfähig zu machen. Das ist mir sehr sympathisch. Uns kann nichts Besseres als eine wettbewerbsfähige Landwirtschaft passieren.

 

Das Gespräch führten Hanno Bender und Petra Klein.